Von der Wassermühle an der Wutach zum vollautomatisierten Textilkonzern — über 500 Jahre Industriegeschichte. Quellen & Dokumente →
1483
Erste Mühle an der Wutach
Erste urkundliche Erwähnung einer Mühle in Lauchringen, angetrieben durch die Wutach. Mehrere Besitzerwechsel folgen.
1812
Flusskorrekturen an der Wutach
Erste Flusskorrekturen bändigen die unberechenbaren Wasserläufe und begünstigen spätere industrielle Nutzung.
1834
Gründung durch Johannes Müller
Der Schweizer Johannes Müller aus Gossau (ZH) erwirbt die Lauffenmühle für 30.000 Gulden und errichtet eine Baumwollspinnerei mit Wasserkraft.
1835
Genehmigung, AG-Gründung & Verkauf
6. März: Staatliche Genehmigung der Spinnerei. 1. November: „Spinnerei Lauffenmühle AG" mit 110.000 Gulden. 9. Dezember: Müller verkauft an Schweizer Gesellschaft für 95.000 Gulden — er hatte sich finanziell übernommen.
1837
Erste Webstühle & Fabrikschule
26 Webstühle ergänzen die Spinnerei. 105 Beschäftigte, davon 40 Kinder. Wegen Kinderarbeit wird eine eigene Fabrikschule eingerichtet (bestand bis 1872).
1846 – 1847
Tunnel & Expansion
200 m Felsentunnel für Wasserkraft. Fünfstöckiges Fabrikgebäude auf rechtem Wutachufer. 13.000 Spindeln, 250 Arbeiter, Arbeiterwohnhaus errichtet.
1850
Werkstätte & Gießerei
Konzession für externe Aufträge. Fertigung von Ersatzteilen in eigener Gießerei, weitere Arbeitsplätze für Facharbeiter.
1858 – 1859
17.000 Spindeln & Weberei-Neubau
Spindelzahl auf 17.000 erhöht. Großer Weberei-Neubau für 60–212 mechanische Webstühle. Gebäude stellen 41 % des Gesamtsteuerwerts der Gemeinde.
1873
Brandkatastrophe & Weltausstellung
25. Januar: Großbrand zerstört die Weberei. Zügiger feuerfester Wiederaufbau. Im selben Jahr: Erzeugnisse auf der Wiener Weltausstellung ausgezeichnet.
1898 – 1899
Kesselhaus & Brombach
Neues Kesselhaus mit Dampfkesseln, gusseisernen Säulen und Backsteingewölbe — bis heute denkmalgeschützt. 1899: Gründung der Druckerei & Appretur Brombach AG durch Dr. Adolf Feer.
1904 – 1909
416 Webstühle & Maschinenpark-Erneuerung
Neue Weberei mit 416 Webstühlen, erneuertes Turbinensystem. 1905–09: Erneuerung des Spinnereimaschinenparks. Mädchenheim, 18 Arbeiterwohnungen — insgesamt 61 Werkswohnungen.
1921
Arbeiteraussperrung
14. Juni: Aussperrung der Arbeiter durch den Verband Süddeutscher Textilarbeitgeber — die Belegschaft wird Teil eines überregionalen Arbeitskampfes.
1924
Turbinenhaus mit Francis-Turbinen
Neues Turbinenhaus mit Francis-Turbinen (350 PS). Modernste industrielle Wasserkraftnutzung am Hochrhein.
1926
GmbH & 700 Webstühle
Umwandlung in GmbH. Neubau Webereihalle für 700 Webstühle. Moderne Heizanlage installiert.
1931
Blumenstein-Gruppe aufgelöst
Im Zuge der Auflösung der Blumenstein-Gruppe gehen die GmbH-Anteile an Großbanken unter Führung der Deutschen Bank und Diskonto-Gesellschaft.
1935
Dr. Winkler übernimmt
Der Berliner Dr. Gustav Winkler kauft die Lauffenmühle. Zum 100-Jährigen: 30.552 Spindeln und 1.104 Webstühle.
1944 – 1945
Zweiter Weltkrieg
170 Arbeiter eingezogen, nur 358 verbleibend. Das Werk bleibt von Zerstörung verschont. Nach Kriegsende: Ausbau zum modernsten westdeutschen Textilbetrieb.
1949 – 1950
Taschentuchweberei Blumberg
Egon Eiermann entwirft neue Weberei in Blumberg mit 504 Webstühlen. Zunächst Arbeit für Vertriebene und Flüchtlinge, später auch Gastarbeiter.
1951
Ausrüstung an der Wiese GmbH
Gründung der „Ausrüstung an der Wiese GmbH" in Brombach. In der Folge entstehen Taschentuchwerke in Aalen und Bielefeld sowie Greiff-Werke in Bamberg.
1955 – 1958
Automatisierung & Blütezeit
Mechanische Weberei automatisiert (1955). Neue Spinnerei 1956/57. 70.000 Spindeln ab 1958. Über 2.000 Beschäftigte.
1962
Großbrand: Selbstentzündung
25. August: Selbstentzündung im Ballenlager zerstört Spinnerei. Radikaler Neustart: In nur 15 Monaten hochmodernes Werk mit Trockensprinkler-System.
1963
Erwerb Druckerei & Appretur Brombach
Die Lauffenmühle kauft die „Druckerei und Appretur Brombach AG" in Lörrach — ein großer Veredelungsbetrieb wird in den Konzern integriert.
1966 – 1967
Sulzer-Revolution in Weberei 2
730 Roscher-Webstühle → 240 Sulzer-Automaten. Keller unter laufendem Betrieb gesprengt. Verlagerung Vorwerk von Blumberg nach Tiengen. Anlauf 1. Sulzer: 30.01.1967.
1969
Wiese Textilveredelung GmbH
Zusammenschluss der Druckerei & Appretur Brombach AG mit der „Ausrüstung an der Wiese GmbH" zur Wiese Textilveredelung GmbH.
1970
Höhepunkt: 100 Mio. DM Jahresumsatz
Blumberg wird „größte Buntweberei Europas" mit 224 Sulzer-Webmaschinen. 5 Mio. m² monatliche Produktion. Höchster Jahresumsatz: 100 Millionen DM.
1974 – 1976
Modernisierung & Übernahmen
133 Karden → 45 Hochleistungskarden in Spinnerei 1. 1975: Erwerb Merian & Co. (Höllstein) und Spinnerei & Weberei Steinen. 1976: Zentrales Vorwerk in Tiengen.
1986 – 1988
HRL, Schlichterei & Zettelmaschine
20 m hohes Hochregallager (7.200 Palettenplätze, 2 RBGs). Umbau beider Schlichtmaschinen. 1987: Procomat-Schlichtmaschine mit elektronischer Regelung. 1988: 4. Zettelmaschine für Indigo-Färbeanlage Höllstein.
1991
Führungswechsel
Dr. Tim Gudehus übernimmt die Geschäftsleitung von Horst-D. Rösner nach 23 Jahren an der Firmenspitze.
1993
1. Insolvenz
Vergleichsverfahren am 16. Februar. Werke Blumberg und Höllstein geschlossen. 600 Arbeitsplätze verloren.
1994
2. Insolvenz
Anschlusskonkurs. Gescheiterte Übernahme durch indische Mafatlal-Gruppe. 1997: Rettung durch Investor Claas E. Daun.
2009
3. Insolvenz
Weltfinanzkrise trifft die Lauffenmühle. Gläubiger verzichten auf 90 % ihrer Forderungen.
2015
4. Insolvenz
29. September: Insolvenzantrag. Insolvenzplan (Jan 2016) bietet 20 % Quote, einstimmig angenommen.
2019
5. Insolvenz — Betriebsende
Fünfte und letzte Insolvenz. Am 31. Juli 2019 endet die Produktion nach 184 Jahren. ~240 Mitarbeiter entlassen.
2024
Digitalisierung
Matterport-3D-Scanning aller 19 Gebäude. Beginn der Umwandlung zum klimaneutralen Quartier.
2026
Digitales Museum online
Interaktive 3D-Rundgänge, Zeitzeugen-Berichte und 253 historische Quellen — für alle zugänglich.